Bedeutet altbewährt gleich gut? Über Ängste des Menschen im digitalen Wandel

Um die Digitalisierung von Prozessen überbetrieblicher Zusammenarbeit und den Einsatz neuer Technologien erfolgreich anzustoßen, braucht es die Akzeptanz dieser Technologien bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleichermaßen.

Mit der digitalen überbetrieblichen Zusammenarbeit sind Hoffnungen und Ängste verbunden

Das  Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie (IDMT) führt Tiefeninterviews mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern mittelständischer Unternehmen Thüringens in unterschiedlichen Branchen durch, um ihre bewussten und unbewussten Hoffnungen und Ängste bezüglich der digitalen überbetrieblichen Zusammenarbeit mit Partnern zu erfassen. Mit dem vom Fraunhofer IDMT entwickelten Erhebungsinstrument Collaborative Analysis Lab  (CoALa) und geleitet vom Interviewer erarbeitet der Interviewte seine persönliche Haltung zu verschiedenen Kommunikations- und Abwicklungsmöglichkeiten in der geschäftlichen Zusammenarbeit. Dafür vergleicht er die folgenden vier Kommunikations- und Abwicklungsmöglichkeiten mitsamt ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede:

einen Freund fragen Abwicklung per Telefon & Mail Abwicklung über ein zentrales Online-Portal dezentrale Geschäftsabwicklung

Nichts ohne den persönlichen Kontakt

Erste CoALa-Interviews mit neun Arbeitnehmern legen ihre Hoffnungen und Sorgen bzgl. der vier Kommunikations- und Abwicklungsmöglichkeiten in der digitalen überbetrieblichen Zusammenarbeit mit Partnern offen. Dabei stellt sich heraus, dass die Kommunikations- und Abwicklungswege per Telefon & Mail und die Möglichkeit, einen Freund zu fragen, zusammenstehen. Konträr zu diesen zwei Wegen werden die Abwicklung über ein Online-Portal und die dezentrale Geschäftsabwicklung gesehen, beide ebenfalls relativ ähnlich bewertet. Zu allen Möglichkeiten werden Vor- und Nachteile gesehen:

Abwicklung per Telefon & Mail, einen Freund fragen Abwicklung über ein Online-Portal, dezentrale Geschäftsabwicklung
Vertrauen, Sicherheit, Bewährtheit
persönlich
Direkt, schnell
Individuelle Absprachen, Schwerpunkte, Einflussnahme möglich
Zeitersparnis
Wenig Personal erforderlich
Abwicklungsprozess vereinfacht
Eigeninitiative/-leistung muss erbracht werden
Erfordert mehr personelle Kapazitäten
Unbekannt und ungewiss, Skepsis
Unpersönlich, anonym
Fehlendes Feedback
Wenig Handlungsspielraum, Abwicklung unflexibler
Fehlende Garantie auf Erfolg
Die klassischen bilateralen Kommunikations- und Abwicklungswege (Telefon & Mail, Freund) werden mit einem hohen Maß an Vertrauen ausgezeichnet. Gerade der persönliche Kontakt wird dabei positiv hervorgehoben und von den Mitarbeitern sehr geschätzt. Diese klassischen Kommunikationswege haben sich bisher bewährt und sind den Arbeitnehmern in ihrem Arbeitsalltag vertraut. Der Abwicklung über zentrale Online-Plattformen und dezentrale Netzwerke wird hingegen eine negativ bewertete Anonymität zwischen den Partnern zugeschrieben. Da die dezentrale Abwicklung für die befragten Arbeitnehmer ein noch überwiegend unbekanntes Terrain im Arbeitsalltag darstellt, herrscht eine gewisse Skepsis gegenüber der dahinter stehenden Technologie und fremden Partnern.
Hier deutet sich eine Angst vor dem Neuen an. Über klassische Kommunikationswege müssen zwar verstärkte personelle Kapazitäten und Eigenleistungen erbracht werden, aufgrund der Bewährtheit dieser klassischen Wege und der Unbekanntheit neuer Technologien empfinden die Mitarbeiter diese Kommunikation dennoch als direkt und schnell. Mit dem persönlichen Kontakt per Telefon & Mail können flexibel individuelle Absprachen getroffen werden. Hingegen wird der Abwicklung über zentrale Online-Plattformen und dezentrale Netzwerke ein geringer und unflexiblerer Handlungsspielraum sowie ein fehlendes persönliches Feedback angekreidet.

Hemmnisse erkennen, Ängste abbauen

Aktuell werden Geschäfte vorwiegend über den persönlichen Kontakt per Telefon und E-Mail abgewickelt, der von den Arbeitnehmern sehr geschätzt wird. Sie haben die Angst, dass durch eine digitale, automatisierte Geschäftsabwicklung dieser persönliche Kontakt verloren geht und sie die eigenständige Kontrolle über die Abwicklung und die flexible Ausgestaltung dieser verlieren. Für eine erfolgreiche Implementierung digitalisierter Prozesse der überbetrieblichen Zusammenarbeit gilt es, Mitarbeiter frühzeitig in diese Prozesse miteinzubinden und Hemmnisse und Ängste vor dem Wandel abzubauen. Das Fraunhofer IDMT wird weitere Tiefeninterviews mit Arbeitgebern durchführen.

Über den Autor: Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie

Das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie (IDMT), repräsentiert durch das Geschäftsfeld „Human-Centered Media Technologies“, ist Projektpartner des Fördervorhabens zum „Decentralized Business Communication Protocol“ (DBCP) und fokussiert sich auf die nutzerzentrierte Innovationsforschung.

Bitte einloggen um diesen Beitrag zu kommentieren.